„Kultur für alle!“ oder: Alte Forderungen neu gedacht

„Kultur für alle“, so forderte Kulturdezernent Hilmar Hoffmann in den Siebzigern. Doch wie sieht es heutzutage eigentlich diesbezüglich aus und welchen Beitrag spielen die Museen in diesem Kontext?

Raimar Stange reflektiert die Forderungen besonders hinsichtlich des Kunstbegriffs auf die aktuelle Situation. Er zieht eine nüchterne Bilanz. Weiterhin produzieren Galerien und Museen eine bessergebildete, finanziell starke Zielgruppe, der Elfenbeinturm steht. „Aktuelle Untersuchungen in den Museen Essens belegen, dass auch heute noch weniger als 1 Prozent der Museumsbesucher einen Hauptschulabschluss besitzen, gut 66 Prozent aber eine Fachhochschulreife oder ein abgeschlossenes Studium vorweisen können.“, so Stange. Museen müssen sich Funktionszusammenhängen wie der Wirtschaftlichkeit beugen und ihre Rentabilität und Wirtschaftlichkeit beweisen.  Dies entspricht also keineswegs dem basisdemokratischen Anspruch von z.B. Max Frisch oder Hilmar Hoffmann, die Kunst und Kultur in größere gesellschaftliche Dimensionen zu denken.

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Von welchen Barrieren ist das Museum umgeben? Bildquelle: Anja Gebauer

Hieran zeigt sich, wie sehr die Museen den Stellenwert von Kunst und Kultur in der Gesellschaft definieren. Doch wie lässt sich die Relevanz und die Reichweite von Museen tatsächlich hinsichtlich der Forderung nach Kunst und Kultur für jeden steigern? Welchen Bezug zur Gesamtbevölkerung stellen Museen her? Wofür sind sie und die Besucher bereit? Diese komplexen Fragen bezüglich der gesellschaftspolitischen Neupositionierung des Museums werden zunehmend auf Konferenzen, Tagungen und Symposien (natürlich auch in Publikationen, online und privat) reflektiert und diskutiert: „Wem gehört das Museum?“, „Digital. Ökonomisch. Relevant. Museen verändern sich“, „Besucherforschung und Evaluation im Museum“ . In diesem Echo (der deutschen Fachwissenschaften) zeigt sich ein Annäherungsversuch von vielen Seiten, in denen die zeitgenössischen Denk- und Sichtweisen hinsichtlich der Neupositionierung des Museums anklingen.

Im Zuge dessen fokussieren sich Museen zunehmend auf ihren Bildungsauftrag, der dabei vermehrt an Bedeutung gewinnt. Was machen wir wie, warum, für wen oder auch mit wem? Ein zunehmend attraktives Schlagwort ist dabei die Partizipation. Das von dem spätlateinischen participatio abstammende Wort beschreibt laut Duden „Teilhaben, Teilnehmen, Beteiligtsein“. Somit ist darunter sowohl ein eher passiver Zustand als auch ein aktiver Vorgang subsumiert. In die Museen zieht der sozialwissenschaftlich konnotierte Begriff ein, der zumeist einen sozialen, emanzipatorischen Aspekt der Teilhabe meint. Es sollen neue Verhältnisse zwischen Museum, Publikum und Gesellschaft geschaffen und zeitgenössische Sichtweisen und Bedürfnisse berücksichtigt werden. Eine Beteiligung von Akteuren der Gesamtgesellschaft ist intendiert, somit folgt die Partizipation dem Gedanken der Kultur für alle.

Doch wie sehr ist dies tatsächlich von Seiten der Museen und unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen gewünscht und umsetzbar? Wie weit wollen Museen wirklich auf Augenhöhe mit den Besuchern kommunizieren, deren Bedürfnisse einbeziehen? Nach Bernadette Lynch scheitert häufig das demokratische Ziel der Teilhabe an institutionellen Machteinhaltungen, Kontrollzwänge auf musealer Seite lassen keine tatsächliche Partizipation zu. Dies kann letztendlich zu Frust auf allen Seiten der Beteiligten führen. Überwunden werden kann dies nach der Autorin nur durch vertiefte Reflexion und Bewusstwerdung von verwurzelten Machtverhältnissen. (Vgl. Lynch 2016)

Häufig prallen solche gut gemeinten Versuche seitens der Museen aber auch auf Ablehnung von Seiten der Besucher. Diese haben häufig zunächst das Bedürfnis nach Wissensvermittlung statt nach Teilhabe in den Köpfen präsent. Doch auch die Nicht-Besucher wollen erreicht werden, die allerdings keinen persönlichen Mehrwert an einem Museumsbesuch für sich finden. Ansonsten wird sich bezüglich des elitären, elfenbeinartigen Museumsbegriffs nichts ändern! Doch wie? Auch dazu gibt es verschiedenste Versuche, Überlegungen und Forderungen…
Meiner Meinung nach gibt es diesbezüglich eine sehr wichtige Gruppe: Kinder und Jugendliche!

Um wirklich unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppen ins Museum zu bekommen, sie anzusprechen und teilnehmen zu lassen, muss meiner Meinung nach früh angesetzt werden. Nur wenn Kinder und Jugendliche bereitseine positive Einstellung gegenüber den Museen entwickeln, kann sich diese womöglich in alle gesellschaftliche Gruppen erweitern. Ein Umdenken und ein Wunsch nach Partizipation an musealen Aktivitäten wird sich entwickeln, wenn Kinder bereits damit in Kontakt kommen. So sollten die Besucher von morgen als aktive Mitgestalter bereits in jungen Jahren für das Museum begeistert werden. Wie das Interesse von Jugendlichen laut dem Jugend KulturBarometer weiter gefödert werden kann, wird auch im Blogpost „App-solut überflüssig“ kurz angeschnitten.
Doch besonders die Besuchergruppe Kinder im Museum ist in der musealen Forschung stark unterrepräsentiert, obwohl sie sogar bis zu 10% des Besucheranteils im Kunstmuseum bilden kann (Vgl. Amelm-Haffke 2006). Doch eigentlich entwickelt sich bereits in dieser Altersgruppe eine grundlegende Einstellung zur Kultureinrichtungen, die Kontext- und Vermittlungsinformationen sind also sehr bedeutend. Und dass qualitätsvolle Angebote im Bereich der kulturellen Bildung sehr positive Effekte bei Kindern und Jugendlichen bewirken können, zeigten u.A. die Ergebnisse von Studien des Forschungsfonds Kulturelle Bildung. Somit könnte also ein vermehrter Einbezug von Kindern und Jugendlichen unter Anerkennung deren ureigener Bedürfnisse sowohl deren Persönlichkeitsentwicklung als auch die Wirksamkeit der Museen fördern.

Abschließen möchte ich mit einem Plädoyer für den demokratischen Gedanken der „Kultur für alle“. Mögen alle Kultureinrichtungen ihre Grundhaltung kritisch reflektieren, sich für unterschiedliche Zielgruppen öffnen und einen Impuls setzen, dass unsere Kulturgüter über insitutionelle Grenzen hinaus in der Gesellschaft wirken.

Literatur:

Ameln-Haffke, Hildegard (2006): Kinder und Kunstmuseen. In: Martin Schuster und Hildegard Ameln-Haffke (Hg.): Museumspsychologie. Erleben im Kunstmuseum. Göttingen: Hogrefe, S. 103–133.

Lynch, Bernadette: „Schön für dich, aber mir doch egal!“ : Kritische Pädagogik in der Vermittlungs- und kuratorischen Praxis im Museum. – In: Ausstellen und Vermitteln im Museum der Gegenwart / hrsg. von Carmen Mörsch [u.a.]. – Bielefeld: transcript-Verlag, 2016. – (Edition Museum ; Bd. 15). – S. 279–294. – ISBN 9783837630817. = https://doi.org/10.14361/9783839430811.

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