TRUE COLORS – like a creative space

Ein Bildungsprojekt zur Belebung des
Wiener 23. Bezirks

Was

In der ehemaligen Sargfabrik F23 im Wiener 23. Bezirk fand vom 27.-28.05.2017 das Bildungs- und Vermittlungsevent „TRUE COLORS – like a creative space“ in Form eines Workshop-Symposiums statt. Ich durfte als Künstlerin, Kunstpädagogin und Kunstwissenschaftlerin an diesem Projekt teilnehmen. Es bietet an dieser Stelle weniger Wiener Lokalkolorit, als vielmehr Anknüpfungspunkte zur Diskussion über allgemein relevante Kunst-, Kultur- und Bildungsthematiken.

Wozu

Ziel des Symposiums war es, sich auf kreative Prozesse einzulassen und sich im Miteinander zu entfalten. Darüber hinaus wurde gemeinsam reflektiert und diskutiert, welche Potenziale kreative Prozesse durch Kunst und Kultur für ein frohes, mündiges, verantwortungsvolles und gelungenes Zusammenleben einbringen können.

Wer und Wodurch

Das gesamte Wochenende wurde von internationalen Teilnehmenden, Kunstschaffenden und Kunstpädagog*innen aus Afghanistan, Österreich, China, Deutschland, Italien, Kroatien und der Schweiz gestaltet – in Form einer Ausstellung, mit einer Vielfalt an Workshops, einem Diskussionsforum und einer abschließenden Werkschau.

Beteiligt waren:

Annemarie BAUMGARTEN, Elivis BERTON, CIRO, Johanna Gundula EDER, Judith HAMBERGER, Bernhard MÜNZENMAYER, Kwok Hung LAU, Rolf LAVEN, Georg LEBZELTER, Roswitha OBERFELD

An folgenden WORKSHOPS konnten sich die Teilnehmer selbst ausprobieren:

Anagramm, Bildhauerei mit Ytong, Farbexperimente, Fotografie, Kalligraphie, Kochen, Künstlerische Forschung, (Hinterglas-)Malerei, Modellieren mit Play-Mais, Monotypie-Druck, Musik, Tanz und Performance, Zeichnung und Frottage

Wo und Womit

Der skurrile und spannungsreiche Unort der Sargfabrik bot dazu das perfekte Setting. In jeder Ecke des riesigen, entkernten, teilweise unter Denkmalschutz stehenden, U-förmigen Gebäudes, prangen in eindringlichen Lettern alte Verbots- und Gebotshinweise. Georg Lebzelter wie auch ein Teilnehmer griffen diese Inspirationen in ihren assoziativen Sprach- und Fotoarbeiten auf. Die Wände wurden geziert durch vielfältige Flachware auf Leinwand und Papier von Annemarie Baumgarten, Elvis Berton, Bernhard Münzenmayer und Georg Lebzelter. Die Objekte von Annemarie Baumgarten, Kwok Hung Lau und Rolf Laven bespielten die Weite des Ortes. In einem Flügel der Fabrik stand der Flügel von Judith Hamberger. An anderer Stelle hatte Roswitha Oberfeld ihren Tanzboden ausgelegt. Ich selbst war vertreten durch eine Audio- und Video-Installation in einem dunklen, gekachelten, krematoriumsartigen Schacht, in dem ehemals das Holz für die Särge trocknete.

Den ganzen Samstag lang zogen die Besucher mit großer Schaffenslust von Station zu Station und genossen versunkene Flow-Momente in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Materialien oder im Miteinander. Die Fabrikhallen wummerten wie von einem emsigen Bienenschwarm bevölkert. Die anschließende Werkschau am Abend wurde durch das im Kochworkshop entstandene, afghanische Buffet eingeleitet. Hier unterstützte das dialog.hotel.wien Am Spiegeln gemeinsam mit Aktiven aus der Nachbarschaft das Projekt mit kulinarischen Spezialitäten. Die ausgelassenen und genießerischen Gespräche wallten durch die Hallen, bis die Abendsonne verschwunden war und die Dunkelheit der Nacht durch die großen Fabrikfenster hereinsickerte.

Am darauffolgenden Tag lud die Sonntags-Matinee dazu ein, Potenziale und Qualitäten dieses Bildungsprojekts auf vielfältigen Ebenen gemeinsam zu reflektieren und zu diskutieren. Hier ein paar Flashs:

Kommunale Ebene:

  • Das kulturelle Zwischennutzungsprojekt F23 ist nicht von der Stadt subventioniert sondern wird vom Verein IG F23 privat betrieben.  Teile der Fabrik werden jedoch bald abgerissen, um sozialen und gemeinnützigen Wohnbau zu errichten.
  • Subkulturelle Projekte zur Belebung von Stadtteilen sind ein komplexes und kontroverses Thema. Wie sind sie leistbar? Welches Bildungs- und Entwicklungspotenzial steckt darin? Welche Nachhaltigkeit haben solche Projekte?
  • Hinsichtlich Zugänglichkeit: Wie können die diversen Gruppierungen eines Stadtteils angesprochen und inkludiert werden?

künstlerische Ebene:

  • Worin besteht die Arbeit eines Künstlers? Ist künstlerisches Schaffen ein Selbstzweck? Es ist eine gewisse Obsession, das Finden einer prägnanten Form, die einem bestimmten Mitteilungsbedürfnis zum Ausdruck verhilft.
  • Was ist an diesem Workshop-Event künstlerisch? Wo liegen die Grenzen der Kunst? Ist es überhaupt wichtig, solche Zuschreibungen und Kategorisierungen zu bemühen? Hier wurden kontroverse Referenzen zur sozialen Kunst von Joseph Beuys aufgemacht.
  • Schönheitstrunkenes, wertfreies Genießen der handwerklichen oder künstlerischen Selbst- und Gemeinschaftserfahrung ist ein wichtiges, berechtigtes und verbindendes Element. Doch die distanzlose Selbsterfahrung allein scheint zu oberflächlich und nicht nachhaltig genug. Sie kann und sollte auch reflektiert werden, um das Bildungspotenzial auszuschöpfen. Dabei geht es um die Bildung von Freiheitsgewinn, Selbstwirksamkeit, Diversitäts-, Gemeinschafts- und Demokratiebewusstsein.

Kunstpädagogische Ebene:

  • Welche sozialen Potenziale bergen persönliche und gemeinschaftlich gelebte kreative Prozesse? Die Teilnehmenden berichteten alle von einer verbindenden, inspirierenden und stärkenden Atmosphäre der Offenheit, des Wohlwollens und der Harmonie.
  • Ist dieses freiheitliche und indifferente (unbewertete) Genießen der eigenen bzw. gemeinschaftlichen Kreativität nicht etwas naiv, wenn man an den Normierungsanspruch von Bildung in unserer Leistungsgesellschaft denkt?
  • Leistung gründet auf Bewertung. In welchem Verhältnis stehen Kreativität, Kunstpädagogik und Bewertung? Der größte Kritiker steckt oft in einem selbst. Er ist von früher Kindheit an durch die Sozialisation in unsere Leistungsgesellschaft aktiv. Welche Notwendigkeit und welches Potenzial birgt Bewertung? Welche Freiheitsbeschneidungen und Frusterfahrungen kann Bewertung bewirken?
  • Welche grundsätzliche Berechtigung hat die Auseinandersetzung mit Kunst und künstlerischem Schaffen? Sind der freiheitliche Selbstzweck und die Selbsterfahrung solch eine Berechtigung?
  • Kunst und Kreativität brauchen Freiheit und erzeugen Freiheit. Wie geht die Normierung z.B. im Rahmen schulischer Bildung mit diesem Freiheits- und Diversitätsdispositiv um? Wo liegen die Handlungs- und Erweiterungsspielräume innerhalb des Gesellschaftssystems, in dem wir alle stecken? Hier nahmen einige Teilnehmenden viel Motivation mit zurück in ihren Arbeitsalltag, dieses unbewertete Freiheitspotenzial mehr einzubringen und auszunutzen.

Fragen über Fragen schwangen im Raum. Teilweise auch Antworten. Aber der Auseinandersetzungsprozess wurde erst einmal angestoßen. Alle waren sich einig: Es soll eine Fortsetzung dieses Symposiums geben. Es bleibt spannend…

Wer hat Lust, in Kommentaren zu diesem Artikel bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen mitzumachen? Ich bin neugierig…

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3 Gedanken zu “TRUE COLORS – like a creative space

  1. „Sich im Miteinander zu entfalten“ … dieses Potenzial von Kunst wird oft überdeckt und ich freue mich, dass es bei TRUE COLORS in den Mittelpunkt gerückt wurde.
    Als Theaterwissenschaftlerin ist für mich das gemeinsame Erleben und Realisieren eines Kunstwerks sehr wichtig – und oft verlasse ich eine Inszenierung enttäuscht, wenn sie diese Chance verspielt. Raum schaffen, Freiheit erzeugen, Distanz und ein kritisches Bewusstsein entwickeln – nicht gegeneinander, sondern miteinander. Wenn dies gelingt, ist viel gewonnen! Schön, dass TRUE COLORS einen solchen Prozess angestoßen hat.

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