Der Einfluss der Digitalisierung auf die Entwicklung von Museen – Chancen, Grenzen, Implikationen

Ein Gastbeitrag von Denitsa Tuparova (BA 2021, HWR Berlin)

“Museums are democratizing, inclusive and polyphonic spaces for critical dialogue about the pasts and the futures. Acknowledging and addressing the conflicts and challenges of the present, they hold artefacts and specimens in trust for society, safeguard diverse memories for future generations and guarantee equal rights and equal access to heritage for all people.”

Dies ist eine der zwei Definitionsalternativen, die der International Council of Museums (ICOM) im Jahr 2019 bei der internationalen Generalversammlung in Kyoto, zur Wahl stellen ließ. Ziel dieser Abstimmung war es, eine neue Definition des Begriffs und der Aufgaben des „Museums“ bereitzustellen. Auch wenn beide Vorschläge aufgrund mangelnden Konsenses verworfen wurden, spiegelt die Definitionsdebatte um den Museumsbegriff die wandelnden gesellschaftlichen Ansprüche wieder, die Museen aktuell herausfordern. Im Kontrast zu der herkömmlichen und allgemeingültigen Museumsdefinition des ICOM, die die Tätigkeitsfelder des Museums in die Aufgabenbereiche des „Sammelns“, „Bewahrens“, „Forschens“, „Ausstellens“ und „Vermittelns“ unterteilt, betont die oben genannte Definitionsalternative vielmehr die gesellschaftsdefinierende Funktion, die Museen im Zuge des aktuellen „social and technological turn“ zuteilwerden. Kurzum kommt dem „Museum von Morgen“ im Zuge der Effekte der Globalisierung und Digitalisierung eine immer wichtigere Bedeutung zu:

Das Museum von Morgen – ein Zukunftsausblick

Das Museum von Morgen muss als Bindeglied der Gesellschaft fungieren. Es muss – mehr denn je – zu einem Ort des aktiven Austausches und des Kontaktes unterschiedlichster Gesellschaftsgruppen werden. Das Museum von Morgen vermittelt nicht nur passiv aufzunehmende Informationen über vergangene Kunstepochen, sondern regt mithilfe partizipativer Vermittlungskonzepte und einem individualisierten Angebot die aktive Auseinandersetzung mit Kunst, aber auch mit aktuellen Themen, an. Es bietet außerdem moderne Lern- und Forschungsmethoden an und gliedert sich auf diese Weise früh in den Alltag von Kindern und Jugendlichen ein, denen es auf diese Weise einen altersgemäßen Zugang zur Kunst ermöglicht. Gleichzeitig erkennt das Museum von Morgen auch seine Funktion als Freizeitort an und bietet ein erlebnisorientiertes Unterhaltungsangebot an, welches auf vielfältige Zielgruppen abgestimmt ist. Kurz zusammengefasst muss das Museum von Morgen vor allem eins: Vernetzen.

Das Vernetzen zeigt sich als zentrales Element des Museums von Morgen. Quelle: Pixabay (Paul Henri)

Diese Erkenntnisse resultieren sowohl aus einer literarisch-fundierten als auch aus einer empirischen Untersuchung der kritischen Fragestellung über den Einfluss der Digitalisierung auf die Entwicklung von Museen, welche mit dem Ziel der Erlangung des Bachelor-Diploms behandelt wurde. Konkret beruhen, in einem ersten Schritt, die wesentlichen Chancen, Risiken und Implikationen der Digitalisierung im Kontext der Kulturvermittlung auf einer umfassenden Recherche und Analyse relevanter Literatur. An dieser Stelle lassen sich u.a. sowohl das Sammelwerk „Der Digitale Kulturbetrieb“ von Pöllmann und Hermann, als auch moderne Publikationen wie „Share Medientechnologie und Kulturvermittlung“ des Hauses der Künste Basel beispielhaft nennen. In einem zweiten Schritt wurde die Relevanz und Vollständigkeit dieser wesentlichen Faktoren empirisch untersucht, belegt und vervollständigt, indem sechs Experteninterviews mit Fachmännern- und Frauen aus der Digitalen Kulturvermittlung geführt wurden. Die Erkenntnisse aus diesen aufschlussreichen Interviews wurden systematisch ausgewertet und in die Ergebnisse der Erarbeitung der Problemfrage eingegliedert.

Chancen der Digitalisierung

Ursache sowie Instrument zur Umsetzung dieser zukunftsorientierten Anforderungen an Museen ist ein globaler Akteur, der aktuell in jeder Schlagzeile auftaucht: die Digitalisierung. Einerseits ist „die Digitalisierung“ mit ihren Ausprägungen in unserem Alltag – Smartphones, Social Media, virtuelle und digitale Unterhaltungsangebote „vom Sofa aus“ – der Grund für ein verändertes und anspruchsvolleres Besucherverhalten. Wir sind nicht mehr bereit (und auch nicht mehr in der Lage, wenn wir ehrlich sind) Informationen lediglich passiv aufzunehmen und abzuspeichern. Wir wollen mehr: wir wollen unterhalten werden, während wir etwas lernen. Und wir wollen Informationen zurückgeben, uns aktiv austauschen, und auf individuelle Interessen angesprochen werden. Gleichzeitig sind es gerade die Möglichkeiten der digitalen Medien, die für Museen eine Chance darstellen. Eine Chance ihre Relevanz für die lokale Gesellschaft wiederherzustellen, und darüber hinaus zu stärken. Eine Chance, durch die Nutzung moderner, digitaler Vermittlungskonzepte auf die veränderten Besucheranforderungen zu antworten. Eine Chance, den analogen Museumsgang nicht etwa durch ein digitales Angebot zu ersetzen, sondern diesen unterhaltsam zu ergänzen. Zugang zur Kunst für alle Bildungsschichten zu ermöglichen – auch für diejenigen, die nicht wissen, was Expressionismus ist. Kurz: Eine Chance, die Kunst in den Alltag aller Menschen zu bringen, und damit nicht nur Kultur zu reflektieren, sondern aktiv mitzugestalten.

Grenzen der Digitalisierung

Notwendig hierfür ist allerdings, dass zunächst auf internationaler Ebene eine aktuelle Museumsdefinition festgelegt wird, die auf die aktuellen Anforderungen an Museen eingeht und somit einen zeitgemäßen Aufgabenkatalog für Museen bereitstellt. Das Ziel des ICOM aus dem Jahr 2019 gilt es also schnellstmöglich wieder aufzugreifen. Auf Basis dieser Definition können und müssen Museen dann ihre individuelle Rolle und Relevanz für die lokale Bevölkerung identifizieren. Welches Ziel haben sie, welche Botschaft möchten sie vermitteln, und welche Communities ansprechen? In einem nächsten Schritt kann dann ermittelt werden, wie diese Communities zielgruppenorientiert, unterhaltsam und austausch-ermöglichend angesprochen werden können. Hier kommt der Begriff der „Digitalen Strategie“ ins Spiel. Es ist von zentraler Bedeutung, digitale Konzepte bewusst und zielorientiert in das eigene Vermittlungskonzept zu integrieren. Die Nutzung Digitaler Medien und Konzepte muss im Einklang mit der Funktion der jeweiligen musealen Institution erfolgen. Viele Museen haben zwar bereits vielfältige Ideen dazu, wie sie ihr Vermittlungsangebot digital ergänzen können – Schlagwörter wie virtuelle Führungen, rundgangbegleitende Apps, Storytelling oder Gamification stellen nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten dar. Diese müssen allerdings vor allem finanziell, personell und rechtlich umzusetzen sein. An dieser Stelle ist eine langfristige Finanzierung digitaler Projekte auf Bundesebene notwendig. Auch die personellen Anforderungen eines Museums haben sich verändert und sollten revidiert werden: technisch-geschultes Personal ist für das Museum von Morgen ein Muss, ebenso wie eine eigene Marketingabteilung. Darüber hinaus müssen rechtliche Restriktionen insbesondere in Hinblick auf Datenschutz, sowie Urheber-und Bildrechte im Museum von Morgen bewältigt werden, um Sammlungen auf den sozialen Medien oder im digitalen Sammlungskatalog – ganz im Sinne der Open-Access-Strategie – teilen zu können, aber auch um (im Sinne eines individualisierten Angebotes) auf Besucherdaten zurückgreifen zu können.

Fazit

Schlussfolgernd lässt sich kurz und bündig festhalten, dass die Digitalisierung nicht nur die Ursache der Herausforderungen darstellt, mit denen sich Museen aktuell konfrontiert sehen, sondern ebenso die Antwort auf diese Herausforderungen liefert, sofern reflektiert und im Kontext der Relevanz der jeweiligen Institution eingesetzt.

Für weiterführende Inspiration sei an dieser Stelle auf das Verbundprojekt museum4punkt0 verwiesen, welches nach neuen Wegen sucht, in Austausch mit Besucher*innen zu treten, individualisierte Angebote für sie zu entwickeln und zusätzliche Zielgruppen anzusprechen.  

Informationen der Gastautorin: Mit der beschriebenen Erarbeitung des Einflusses der Digitalisierung auf die Entwicklung von Museen erlangte ich im Frühjahr 2021 mein Bachelor-Diplom an der HWR Berlin mit einer sehr guten Abschlussnote. Für einen Einblick in die Studie, Fragen und Anmerkungen stehe ich jederzeit und gerne per Mail an: denitsatuparova@gmail.com zur Verfügung!


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