Von Video bis KI – zwei Medienkunst-Positionen auf der Biennale Venedig

May You Live In Interesting Times“ – der Titel der diesjährigen Biennale di Venezia 2019, die noch bis gestern, 24. November zu sehen war, verhieß Verlockung, mehrdeutiges Urteil und Unmengen zeitgenössischer Kunst. Ralph Rugoff, der diesjährige Kurator inszenierte dieses Jahr die Werke ausschließlich lebender Künstler zu einer pointierten und spannungsvollen Schau, welche sich wie immer in der gesamten Lagunenstadt verteilte.

Hier werden als Nachlese und zum weiteren Diskurs zwei spannende (Länder-) Projekte herausgegriffen, die womöglich weniger zum allgemein schallend diskutierten Kanon gehörten, aus künstlerisch-pädagogischer und aktuell-kulturellem Standpunkt aus relevant und erwähnenswert scheinen.

Parkistan Pavillion – Künstlerische Feldnotizen und Videoinstallationen

Die Künstlerin Naiza Khan beschäftigte sich über circa zwölf Jahre hinweg mit dem architektonischen Wandel und der Ökologie der Insel Manora Island bei Karachi, Pakistans größter Stadt. Dabei thematisiert sie Umwelt- und Klimaveränderungen ebenso wie Aspekte der sozialen, historischen und ökonomischen Gerechtigkeit und Veränderung.
Sie bedient sich dabei wissenschaftlich-forschender Vorgehensweisen wie Dokumentation, Mapping oder Archivarbeiten. Hier stellt sie zudem Bezüge zum Ausstellungsort Venedig her – hinsichtlich geschichtlicher Verortungen der Städte, beispielsweise als zentrale Orte transnationaler Handelsrouten.
Im Eingangsraum Empfing den Besucher ein Mappingprojekt, welches sofort Assoziationen an vergoldete, doch auch zerüttete Landschaften voller Geschichten und kultureller Bezüge wachrief – es referiert auf einen Katastrophenbericht nach einem Wirbelstrum. Anschließend wurde ein Forschungs- und Beobachtungsinstrument selbst genauer beleuchtet, welches zentrale Auswirkungen auf die Entwicklung unserer Weltsicht hatte: das Teleskop.

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Der Blick durch das Teleskop führt über Videos in andere Perspektiven

Naiza Khan stellte den Besuchern dazu ein historisches Teleskop zur eigenen Betrachtung und Erforschung zur Verfügung. Der Betrachter tauchte im Blick dadurch in Videoaufnahmen von Manora Island ein und wurde somit mithilfe des künstlerisch-individuellen Perspektive in weite Fernen versetzt. Ergänzend dazu zeigte die Künstlerin im angrenzenden Raum eine Videoarbeit, in welcher unter anderem das ausgestellte Teleskop unter Kommentaren durch dem Händler restauriert und kontextualisiert wurde. Dabei wechselten verschiedenste Szenen des kulturellen Lebens auf der Insel mit der der Innensicht durch das Teleskop ab. Von einem Standpunkt am Strand aus wurden hier verschiedenste Ziele vom Kriegsschiff zum Horizont poetisch in den Blick genommen.
Hier wurden also dokumentarische, forschende Sichtweisen, Methoden und Perspektiven auf feine, ästhetisch sensible und spannende Art künstlerisch umgesetzt – eine eindrucksvolle und erkenntnisreiche Position.

Azerbaijan Pavillion – kulturelle Traumbilder der KI

Virtual Reality – der Titel des azerbaijanischen Beitrags reduziert sich nicht nur auf die Technologie der virtuellen Realität, sondern denkt das Thema phänomenologisch von Politik, Philosophie bis hin zur Alltagskultur. Thematisiert werden dabei Ausdrucksweisen im Social Net, Nachrichtenübermittlung, Fake News sowie die Festigung kultureller Bilder in traditionellen Gestaltungsmitteln. Die Künstler Kanan & Ulviyya Aliyev, Zarnishan Yusifova, Zeigam Azizov, and Orkhan Mammadov arbeiten dabei multimedial im skulpturalen, installativen und multimedialen Ausdruck.

Besonders nachhaltig blieb mir der Künstler Orkhan Mammadov im Gedächtnis. Eindrucksvoll beschäftigte er sich mit kulturellen Wegmarken unter Einbezug zukunftsrelevanter digitaler Medien und Technologien. In der Installation „Circular Repetition“ verarbeitet er traditionelle Ornamente mit Machine Learning-Algorithmen, welche neue und unbegrenzte Kombinationen der Schemata und Muster kreieren. In der audiovisuellen Darstellung auf dem großen raumgreifenden Schirm kann man der Maschine dabei zusehen, wie sie Kultur im übertragenen Sinne „updated“.

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Die morphenden Muster werden auf einem digitalen Schirm im Raum gezeigt

So entstehen zu kaltem, klaren Sound geometrische, ornamentale Strukturen, welche sich über die gebogene Fläche des digitalen Panels ziehen und hell aus der umgebenden Dunkelheit des Raumes hervorstechen. Parallel dazu kann man den Code des Algorithmus einsehen und einen Hauch des maschinellen Denkens erfahren. In unendlichen Variationen produziert die künstliche Intelligenz unermüdlich den künstlerischen Auftrag. Die synthetische Natur der Wiederholung wird dabei zum eindrucksvollen Prinzip.
Hier wird die Technologie zielgerichtet hinsichtlich der spezifischen gestalterischen Potentiale eingesetzt – nicht um eindimensionale Hypes zu bedienen.

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In Echtzeit werden Einblicke in den Alorithmus der KI gegeben

Naiza Khan und Orkhan Mammadov schafften es, Bezüge zur Kulturgeschichte mit zeitgenössischen Blickweisen zu verbinden, grundlegende Mechanismen der Erkenntnis- und Wissensproduktion zu reflektieren und pointiert ästhetisch auszudrücken.
Das Herausgreifen dieser beiden KünstlerInnen möchte allerdings keine  übergreifende Wertung hinsichtlich anderer Pavillions und Werke der Ausstellung ausdrücken. Denn neben diesen beiden ausgewählten Exempeln bot die Venedig-Biennale 2019 ein gigantisches Mosaik an weiteren (auch medien-) künstlerischen Positionen an, welche ebenso Analyse, Vertiefung und Reflexion verdienen. Nicht zu vergessen ist die Freude, bei einem Bellini im Schatten darüber zu diskutieren – sowie sich angesichts der erneuten Wasserfluten hinsichtlich der eigenen Reise-Nachhaltigkeit zu befragen…


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