Inklusives Theater – Zu Besuch bei der Freien Bühne München

Es ist ein warmer Herbstabend in diesem Oktober, das Foyer des Gasteigs füllt sich mit Besuchern, ein Tisch mit Programmheften, Flyern und anderen Informationen ist aufgebaut. In der Black Box findet an diesem Abend eine Premiere statt, Georg Büchners Woyzeck wird aufgeführt. Doch diese Theateraufführung läuft ein bisschen anders, als der ahnungslose Zuschauer es erwarten mag, wenn er vorher nicht ins Programmheft gespickt hat.

Die erste Überraschung ist zunächst, dass die Figur des Woyzeck zweigeteilt ist, eine gespaltene Persönlichkeit also. Gemeinsam kämpfen die Woyzecks um Marie, lassen sich vom Hauptmann demütigen und die Tiraden des Arztes über sich ergehen. Die zweite Überraschung ist, dass einige der Schauspieler, unter anderem die beiden Woyzecks, sich von der Bühnennorm abheben, die der kultivierte Theaterzuschauer gewohnt sein mag. Denn vier der acht Schauspieler im Ensemble der Freien Bühne München haben das Down-Syndrom.

Die Freie Bühne München wurde im Jahr 2013 gegründet und gilt als erstes inklusives Theater der bayerischen Landeshauptstadt. Hier können sich Menschen mit und ohne Behinderung auf und hinter der Bühne begegnen, Stücke gemeinsam erarbeiten, voneinander lernen. Und das Resultat nach der Probenzeit der Öffentlichkeit präsentieren. Außerdem bietet die Freie Bühne München regelmäßig Workshops über kurze oder längere Zeiträume an, die sich mit dem Erlernen der Schauspielkunst und dem Bühnenhandwerk beschäftigen. Auch hier sind Menschen mit und ohne Behinderung willkommen.

Woyzeck und Chor, (c) Johann Miedl

Die aktuelle Produktion

Mit Woyzeck (Regie: Jan Meyer) hebt sich die Freie Bühne München von ihren bisherigen Inszenierungen ab, denn nachdem die bisher erarbeiteten Stücke sehr frei erarbeitet wurden, handelt es sich bei Georg Büchners Woyzeck um eine feste Textvorlage. Wie die Schauspieler, allen voran die beiden Woyzecks (Dennis Fell-Hernandez und Frangiskos Kakoulakis) die großen Massen an Text meistern, ist beeindruckend. Die Inszenierung ist sehr modern gehalten, sie gibt Einblick in eine verrückte Welt, eine Welt voller Egozentrismus, in der auf die Untersten eingetreten wird, während die Seele für das eigene Glück verkauft wird. Das karge Bühnenbild steht dabei im starken Kontrast zu dieser irren Welt, die dafür durch die Kostüme unterstrichen wird. Besonders in Massenszenen karikieren die Masken der Figuren diese eindrucksvoll. Das Zusammenspiel zwischen den Schauspielern mit und ohne Down-Syndrom stellt einen starken Kontrast dar, besonders das Zusammenspiel zwischen Marie (Veronika Petrovic) und den beiden Woyzecks berührt.

Dass Woyzeck, der geborene Antiheld und von seinen Mitmenschen stets als schwachsinnig und wegen seiner „fehlenden Moral“ vorgeführt, in dieser Inszenierung von zwei Menschen mit Down-Syndrom gespielt wird, kann die Zuschauenden im ersten Moment schlucken lassen. Gleichzeitig stellt gerade diese Inszenierung wichtige Fragen. In ihrer radikalen Darstellung eines empathielosen und kaltherzigen Miteinanders, kommt man als Zuschauer schnell ins Grübeln: Wie gehen wir miteinander um? Wie gehen wir mit Menschen um, die anders sind, die von der Norm abweichen? Insofern hält die Inszenierung der Freien Bühne München dem Publikum radikal den Spiegel vor.

Die Inszenierung ist am 3. November im Kleinen Theater Haar, am 9. November im Stadttheater Weilheim und am 10. November in der Wagenhalle der Pasinger Fabrik zu sehen. Weitere Informationen sind auf http://www.freiebuehnemuenchen.de zu finden.

 


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