Frank Castorf und der Sexismus: Armer alter Mann

Die Empörung ist groß in der deutschen Theaterlandschaft. Frank Castorf, ehemaliger Intendant der Berliner Volksbühne und bekannt als alternder Punk der Szene, hat sich in der Süddeutschen Zeitung zu Sexismus und der Me-too-Debatte geäußert. In einem Interview erklärt er, warum er in seiner Zeit als Intendant so wenige Frauen beschäftigt habe (meist können es Männer nun mal besser und Frauenfußball interessiere ihn auch nicht) und dass er sich ängstige, die Me-Too-Debatte könne die Erotik von der Bühne verbannen und Aktmalerei verbieten. Seine brasilianische Kostümbildnerin wisse nämlich, wann sie einem Mann „in die Fresse hauen“ und wann sie mit ihm ins Bett gehen wolle, wodurch die Sexismus-Debatte wohl hinfällig ist. Seine Schwadronierungen bleiben natürlich nicht lange ohne Echo: in einem offenen Brief meldet sich Kuratorin und Dramaturgin Felizitas Stilleke zu Wort, macht ihrem Ärger über derartige „white male privileged-Gedanken“ Luft und erntet von vielen Seiten der Theater- und Kunstszene Unterstützung.

Es steht außer Frage, dass Castorfs Äußerungen streitbar sind. Denn selbst wenn Männer ihn bisweilen mehr von ihrer Kunst überzeugten als Frauen, stellt sich die Frage, wie viele Frauen überhaupt die Möglichkeit hatten, ihm ihr Können (außerhalb des schauspielerischen Bereichs) darzulegen. Nach wie vor sind Berufe im Bereich der Regie und Theaterleitung größtenteils von Männern belegt, obwohl genügend Frauen in diesen Bereichen ausgebildet werden (ein Artikel inklusive Studie dazu findet sich hier). Vor allem aber lassen Castorfs Äußerungen tief blicken – nicht in seine Denkmuster und Meinungen, sondern in eine verkrustete Theaterszene, in der Rang und Namen im Zweifelsfall mehr zählen als Inhalte. In der ein selbstgefälliger Regisseur mitte Sechzig sexistisch über Frauen- und Männerfußball und Kostümbildnerinnen schwadronieren kann, ohne auch nur ein winziges bisschen um seine Stellung bangen zu müssen. Sie zeigen eine Welt, in der Intendanzen nach wie vor zu großen Teilen von weißen Männern jenseits der 50 besetzt sind. In der hierarchische und patriarchale Strukturen, in denen brav den großen Intendanten und Regisseuren gefolgt werden muss, Gang und Gäbe sind.

Viele Theater schreiben sich auf die Fahne, die Gesellschaft zu reflektieren, kritisch zu hinterfragen und der Welt einen Spiegel vorzuhalten. Doch wie soll dies gelingen, wenn das System dahinter noch viel veralteter und hierarchischer ist und im Zweifelsfall nur zählt, wer Rang, Namen und im besten Fall noch einen Penis hat? Frank Castorf ist nun 66 Jahre alt, er hat viel erreicht, hat polarisiert, provoziert und ist angeeckt. Dass er es nun nötig hat, in einem Artikel derart plumpe und unreflektierte Äußerungen fallen zu lassen, um im Zweifelsfall im Gespräch zu bleiben, ist letztendlich nicht mehr als ein simples Armutszeugnis. Vielleicht wäre jetzt der Zeitpunkt, sich zurückzuziehen und das Feld der nächsten Generation zu überlassen. Die hoffentlich vielseitiger, bunter und reflektierter ist und in der das Können unabhängig vom Geschlecht beurteilt wird. Mit Erotik und Aktmalerei.

 

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