Museen und Digitalisierung – Drei Beispiele für eine gekonnte Fusionierung

Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran und hat unser alltägliches Leben fest im Griff: Informationen werden schnell im Internet nachgesehen, in Kontakt bleibt man über das Smartphone und wer seinen #morningrun nicht über die Sozialen Netzwerke dokumentiert, hat de facto umsonst Sport getrieben. Während digitale Medien also längst Teil unseres Lebens sind, wurden und werden sie im Kulturbereich eher zögerlich angenommen. Noch immer gibt es einige Kultureinrichtungen, die mit Hängen und Würgen eine eigene Webseite auf die Beine stellen und mit allen weiteren Möglichkeiten überfordert zu sein scheinen, oder aber keine Lust haben, sich damit auseinander zu setzen. Dabei bieten digitale Medien viele Möglichkeiten, um sein Angebot zu bewerben, den Museumsbesuch zu erweitern oder im Bereich der Vermittlung neue Wege zu gehen. Die digitale Archivierung ermöglicht es Museen beispielsweise, ihre Sammlungen zu konservieren und neu aufzubereiten. Außerdem können Apps oder andere multimediale Konzepte den Museumsbesuch spannend und vielseitig gestalten. Wie ein gelungener Umgang mit digitalen Medien im Museum aussehen kann, zeigen die folgenden drei Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum:

Social Media mal anders: Das Gleimhaus in Halberstadt

Das Gleimhaus in Halberstadt gehört zu den ältesten Literaturmuseen Deutschlands und stellt Werke und Sammlungen des Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim aus. Da Gleim einen regen Briefwechsel mit einigen Dichtern seiner Zeit pflegte und häufig als Knotenpunkt verschiedener Dichterbekanntschaften fungierte, wurde eigens für die Museumspädagogik ein soziales Netzwerk, das sogenannte ‚Gleim-Net‚, erstellt. Jugendliche Besucher können dabei in die Rollen verschiedener Dichter der Aufklärung schlüpfen, mithilfe von Tablets miteinander in Kontakt treten und Gleims Freundschaften somit nachspielen. Dabei wird die Historie mit digitalen Medien in Verbindung gesetzt und damit neue Kontexte und gerade bei jungen Besuchern ein größerer Ansatz, um sich mit dem Thema auseinander zu setzen, geschaffen.

Durch und durch digital: Das Städel Museum in Frankfurt am Main

Das Städel Museum wird gerne als Musterbeispiel für Museen genannt, die ihr Angebot auf vielfältige Weise digital erlebbar machen – und das zurecht. Denn die Betreiber und Mitarbeiter haben es sich zur Aufgabe gemacht, dem Forschungs- und Vermittlungsauftrag der Institution auch im digitalen Zeitalter gerecht zu werden und dabei ihre unterschiedlichen Zielgruppen für die Beschäftigung mit Kunst und Kultur zu begeistern. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, bietet das Städel Museum eine große Bandbreite an Tools, um den Museumsbesuch digital zu erweitern: Mithilfe eines Digitorials, welches spannende Hintergrundinformationen über den Künstler, seine Methoden und Kunstwerke liefert, können sich Interessenten auf den Museumsbesuch vorbereiten oder aber ihr Wissen über Kunst vertiefen. Wer mehr über Kunstgeschichte erfahren möchte, kann einen frei zugänglichen Kunstgeschichte-Online-Kurs absolvieren, welcher fünf Einheiten umfasst und mithilfe von 250 digitalisierten Kunstwerken einen detaillierten Einblick in die Moderne liefert. Eine umfangreiche digitale Sammlung bietet außerdem die Möglichkeit, die Ausstellungsstücke in digitalisierter Form zu betrachten und durch das Erstellen von Alben in neue Kontexte zu setzen. Auch Social Media ist dem Städel Museum nicht fremd, denn die Einrichtung verfügt nicht nur über einen eigenen Blog, sondern ist auch auf Social Media Plattformen wie Facebook, Instagram oder Youtube vertreten. Somit liefert das Städel Museum umfassende Möglichkeiten, die Ausstellungen auch aus der Ferne mitzuverfolgen, erweitert damit seinen Radius und liefert vielfältige Ansätze für unterschiedliche Zielgruppen.

Noch einen Schritt weiter: Das ZKM Karlsruhe

Auch das Zentrum für Kunst und Medien, kurz ZKM, in Karlsruhe ist ein Hotspot, wenn es um Museen und Digitalisierung geht. Die Vereinigung aus verschiedenen Museen und Forschungseinrichtungen wurde 1989 gegründet, um klassische Künste ins digitale Zeitalter weiterzuführen. Neben lange etablierten Kunstformen wie Malerei und Fotografie finden hier auch zeitbasierte Künste wie Performance, Film oder Medienkunst ihren Platz. Im Vergleich zum Städel Museum geht das ZKM noch einen Schritt weiter, denn ein reines Digitalisieren von bereits analog existierenden Kunstformen ist hier nicht genug. Die Digitalisierung soll nicht allein neue Zugänge zu den Inhalten, sondern auch komplett neue Inhalte schaffen. Dies zeigt sich zum Beispiel am Projekt „Art on Your Screen“, kurz AOYS, einer Webseite, auf welcher Kunstwerke präsentiert werden, die ihre volle Wirkung ausschließlich mithilfe des Internets entfalten. So handelt es sich bei dem Werk „Sibi“ von Roberto Fassone beispielsweise um eine als Spiel gestaltete Software, welche zufallsgenerierte Anweisungen erstellt, aus welchen Kunstwerke entstehen können. Anders als bei den Programmen des Städel Museums existiert AYOS ohne analoge Dependance und eröffnet damit neue Sichtweisen und Möglichkeiten, wie Museen in Zukunft gestaltet werden können.

Wie die Beispiele zeigen, gibt es einige Möglichkeiten, digitale Medien kreativ und gekonnt in den Museumsbetrieb zu integrieren. Jedoch sollten digitale Medien stets bewusst und sinnvoll in das Museumsangebot eingebunden werden und nicht um ihrer selbst willen erstellt werden. Eine Museums-App, die keinerlei Mehrwert bringt, mag das Museum auf den ersten Blick moderner erscheinen lassen, hat auf den zweiten Blick jedoch schlicht keinen Sinn. Doch wie auch immer sich Museen zu digitalen Medien positionieren – eine Beschäftigung mit der Thematik ist nicht mehr zu umgehen.

 

Literatur:

Eumann, Marc Jan; Gerlach, Frauke; Rößner, Tabea; Martin Stadelmaier, Martin [Hgg.]: Medien, Netz und Öffentlichkeit. Impulse für die digitale Gesellschaft. Essen: Klartext, 2013.

Parry, Ross [Hg.]: Museums in a Digital Age. Oxon: Routledge, 2010.

Schweibenz, Werner: Vom traditionellen zum virtuellen Museum. Die Erweiterung des Museums in den digitalen Raum des Internets. Frankfurt am Main: Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis e.V., 2008.

 

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2 Gedanken zu “Museen und Digitalisierung – Drei Beispiele für eine gekonnte Fusionierung

  1. Vielen Dank für den Beitrag – Digitalisierung mit all ihren Chancen und Risiken, mit allen positiven und negativen Effekten geht heute an keinem mehr vorbei. Museen, die als Schnittstellen zwischen öffentlichem Bildungsauftrag und Freizeitgestaltung wirken, sollten deshalb besonderes Augenmerk darauf richten, die neuen Medien zu nutzen und dabei ihren Vorteil von Seriosität und Glaubwürdigkeit voll auszuspielen.

    Der Hinweis auf das Projekt des Gleimhauses in Halberstadt sieht sehr interessant aus – den werden wir uns einmal genauer ansehen. Vielleicht können wir ja etwas ähnliches umsetzen?

    Viele Grüße aus dem Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für den Kommentar! Es stimmt – an der Digitalisierung geht kein Weg mehr vorbei und man muss sich, wie auch immer, dazu positionieren. Schön, wenn der Beitrag Sie zu neuen Projekten inspirieren konnte! Ich bin gespannt, was sich entwickeln wird.

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