Kunstvermittlung auf brasilianisch: Von der Pinacoteca in São Paulo, künstlichen Intelligenzen und tollen Grundeinstellungen

Letztes Jahr stieß ich auf ein spannendes Youtube-Video, in dem eine neue Form der musealen Kunstvermittlung vorgestellt wird. Darin wird gezeigt, wie Besucher der Pinacoteca in São Paulo mit den Kunstwerken interagieren –dabei sprechen sie mit einer Künstlichen Intelligenz. Dieser können sie Fragen stellen und Antworten erhalten. Jene werden basierend auf eingespeisten kunstgeschichtlichen Daten von der Watson-Technologie von IBM generiert. Das Projekt mit dem Namen ‘A Voz da Arte’ entstand in einer Kooperation von IBM und der Pinacoteca. So soll eine neue Form der Interaktion und Auseinandersetzung mit den Originalen ermöglicht werden…

Das alles machte mich sehr neugierig- zumal künstliche Intelligenzen ein spannendes und viel diskutiertes Thema darstellen! Umso erfreulicher war es, dass ich in meinem Brasilien-Aufenthalt im Dezember 2017 selbst einen Stopp in São Paulo einlegen konnte. Da zog es mich natürlich gleich in die Pinacoteca, um die Künstliche Intelligenz mit eigenen Augen zu sehen – dabei stieß ich nebenbei auf viele weitere interessante Aspekte der dortigen musealen Kunstvermittlung. Über diese Erfahrung dort möchte ich in diesem Blogpost berichten.

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Die App mit der künstlichen Intelligenz ist auf Smartphones vorinstalliert, die an der Kasse ausgeliehen werden können.

Gleich im Eingang entdeckte ich den Aufsteller, der auf „A Voz da Arte“ hinwies. „A Voz da Arte“ heißt wörtlich übersetzt „Die Stimme der Kunst“, der Idee nach kann der Betrachter also direkt mit dem Kunstwerk kommunizieren. Wir bekamen ein Smartphone mit der vorinstallierten Anwendung und den dazugehörigen Kopfhörern in die Hand. Ich entdeckte den Aufsteller zu den „Jogos educativos“ nebenbei und war natürlich auch hier sofort neugierig. Aus einer großen Liste an pädagogischen Spielen wählten wir eine beliebige Box aus (dazu gab es leider nur wenig Orientierungshilfe vom Kassenpersonal). So ausgerüstet ging es dann also los in die Ausstellung…

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Eine breite Auswahl an pädagogischen Spielen stehen zum Ausleihen bereit.

Vorweg gab es eine kleine Enttäuschung: Die KI spricht leider nur portugiesisch und so musste ich mit meinen eingeschränkten Sprachkenntnissen vorlieb nehmen. Schönerweise hatte ich einen Brasilianer dabei, der meine Fragen und die Antworten übersetzte.
Das Programm kann nur die Fragen zu ausgewählten Kunstwerken beantworten – ich glaube es waren ca. 5 Werke. Also fingen wir an, unsere Fragen einzusprechen und den Antworten zu lauschen. Schade fand ich, dass es keine Hinweise oder einführenden Worte zum Programm gab.

Wie erwartet konnten alle Fragen zu den harten Fakten einwandfrei vom Programm beantwortet werden (Künstler, Jahr, Material etc.). Auch auf Fragen zur Bedeutung des Werks wurden wirklich schöne und verständliche Antworten gefunden. Dabei verwies die KI auf geschichtliche Hintergründe, Details im Bild oder Biografien der Künstler. Bei komplexeren Fragen zu Zusammenhängen, Analysen oder Interpretationen kamen dann allerdings Wiederholungen in den Antworten. Außerhalb der Standardsätze mit Variationen konnten wir dann auf dieser Ebene nicht mehr viel herausholen. Hierbei konnte man also recht schnell sehen, dass diese Form der Auseinandersetzung auf einem eher oberflächlichen Niveau bleibt. Als ich auf die Grenzen der Technologie stieß, war ich aufgrund der hohen Erwartungen dann doch etwas enttäuscht.

So unterstreicht dies meiner Meinung nach, dass keine einzelne Technik die Revolution der Museumspädagogik darstellen wird und um jeden Preis eingesetzt werden muss. Vielmehr geht es darum, Formate, Medien und Methoden genau abzuwägen und zielgerecht einzusetzen (- wie bereits an anderen Stellen erwähnt). Durch eine künstliche Intelligenz kann natürlich kein Führungspersonal oder umfangreiches kunst- und museumspädagogisches Programm ersetzt werden. Eine Partizipation oder Interaktion jenseits von Fragen stellen ist ebenso zu missen wie eine Anregung zur eigenen gestalterischen Auseinandersetzung, ganzheitlichen Angeboten etc.

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Die künstliche Intelligenz beantwortet Fragen zu den Kunstwerken.

Diese Kritik ist natürlich zu relativieren. Selbstverständlich kann kein Gespräch mit einer (dennoch kontinuierlich lernenden) Künstlichen Intelligenz einen tatsächlichen inneren oder äußeren Dialog ersetzen. Allerdings ist es durchaus wahrscheinlich, dass weiterführende Gedanken so angestoßen werden. So bietet sich durch die KI eine Form der digitalen Kunstvermittlung – und auch hierfür müssen Einsatzszenarien, Kosten, Ziele, Zielgruppen etc. klar abgewogen werden. Hier wurde anstatt z.B. ein schwierig zu lesendes Begleitheft anzubieten, sehr besuchernah diese intuitive und niedrigschwellige Art der Informationsvermittlung geschaffen. So bietet die KI für diesen Fall eine schöne Möglichkeit, jenseits von elfenbeinturm-haften Museumspraxen Zugänge für die Besucher zu bieten und den Werken gerecht zu werden. Dies brachte für mich die erstrebenswerte, gesellschaftsnahe Grundhaltung des Museums zum Ausdruck.

Diese offene Einstellung fand ich auch an anderen Stellen in der Pinacoteca wieder. Schon alleine das breite Angebot an pädagogischen Spielen spricht für sich – ebenso wie die großzügigen Räume, an denen die Besucher diese ausprobieren, sich setzen und spielen konnten. Dass alle Programme – und an besagtem Tag sogar der Eintritt – kostenlos waren, entfernt weitere Barrieren. Sehr gut gefiel mir auch das Format „arte em diálogo“ (Kunst im Dialog). Dabei waren neben einzelnen Kunstwerken sehr spannende Fragen an der Wand aufgeschrieben. Meist handelte es sich um zeitgenössische und schwierig zugängliche Werke und die Antworten waren verständlich geschrieben. Durch das Format der Fragen und Antworten wurde das Interesse zum Weiterlesen geweckt. Ergänzend dazu gab es auch die klassischen Wandtexte zu den unterschiedlichen Themen.

Auch inhaltlich überzeugte mich das Museum. So wurden neben bekannten internationalen Posten wie Nicki de Saint Phalle viele „brasilianische“ Kunstwerke gezeigt. Dabei wurde die Frage, wie die Kunst eine Identität schafft, produziert oder von ihr beeinflusst wird, von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Dies ging bis zur Frage, ob es denn überhaupt eine per se „brasilianische“ Kunst gäbe und inwiefern dies wichtig sei. Dabei wurde die Kunstgeschichte des Landes von Kolonial- und Skalvenzeiten bis hin zum Auflösen eines Gesellschaftsbilds in der Diversität nachgezeichnet. In heutigen Debatten zur Leitkultur sind all dies wichtige Aspekte, die auch Kunstmuseen zu bedenken haben.

Zudem gab es einen „Raum der Interpretation“ mit Informationen zur Pinacoteca selbst, der Möglichkeit, aus magnetischen Bildern eine eigene Ausstellung zu kreieren, sich vertiefend zu informieren und weiteren interaktiven Angeboten. An anderen Stellen konnte man eigene Fragen zu den Werken aufschreiben und Feedback geben.

Insgesamt war ich also sehr von der Kunstvermittlung in der Pinacoteca in São Paulo beeindruckt. Das Nebeneinander von Analog und Digital funktioniert dort wunderbar. Die mobile Anwendung mit der künstlichen Intelligenz bereichert durch ihre einfache und zugängliche Nutzbarkeit und je nach Besucher können personalisierte Informationen abgerufen werden. Mit schön aufbereitetem haptischen Material wird das Erfahren und Lernen an vielen Stellen spielerisch unterstützt. Hintergrundinformationen werden verständlich in verschiedenen Niveaus dargeboten. Dieses Museum zeigt meiner Meinung nach ein Beispiel der Offenheit für unterschiedliche Bedürfnisse, die gezielt aufgefangen und bedient werden. So lebt die Pinacoteca eine Kultur vor, von denen sich viele andere Häuser noch etwas abschneiden können.

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2 Gedanken zu “Kunstvermittlung auf brasilianisch: Von der Pinacoteca in São Paulo, künstlichen Intelligenzen und tollen Grundeinstellungen

  1. Hallo Anja!

    Ein sehr informativer und sehr interessanter Artikel.
    Es sei mir trotzdem erlaubt, einige kritische Fragen zu der von dir berichteten KI in der Kunst zu stellen:

    Spricht Kunst nicht per se zum Betrachter?
    Braucht man zum Verständnis eine KI?
    Ist es nicht manchmal gewinnbringender und vor allem nachhaltiger(!), auf Fragen nicht sofort von einer KI eine Antwort zu erhalten, sondern statt dessen sich diese selbst(!) kreativ zu erarbeiten? Dafür gibt es in unserer Zeit genügend Medien. Und wenn man sich später mit den noch offenen Fragen beschäftigt, ist dies sicher nachhaltiger als eine sofortige Antwort der KI im Museum.
    Aber du hast es ja selbst in deinem Artikel ausgesprochen:“…kein Gespräch mit einer KI kann einen tatsächlichen inneren oder äußeren Dialog ersetzen…“
    Ich stimme dir vollständig zu und
    freue mich bereits jetzt auf weitere so interessante Beiträge von dir!

    PS:
    Wie und wo lernt man eigentlich einen so netten Brasilianer kennen, der dir bei der Übersetzung freundlicherweise sofort geholfen hat???

    Albert Gebauer

    Gefällt 1 Person

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