Mein Kulturblick: Was ist eigentlich Kultur?

Mit dem Aufruf zur Blogparade: „Mein Kulturblick“,  #Kultblick, fragen die Blogger des Archäologischen Museum Hamburg, worauf wir beim Kulturgenuss achten, wie wir Kultur erfahren und erleben. Um aber darauf einzugehen, stellt sich für mich zunächst eine grundsätzliche und allumfassende Frage: Welche Bedeutung hat Kultur eigentlich für mich? Eine Frage, deren Antwort sich im Laufe der Jahre stark verändert hat:

Bis vor einigen Jahren war die Antwort für mich klar: ich verstand Kultur zum Großteil im Sinne von Kunst, von Literatur, Theater, Museumsbesuchen und Musik. Kultur war für mich das, was mich aus dem tristen Alltag herauslöste, mir zuflüsterte, dass das Leben mehr bereithält als Schule, Job und Rente. Kultur war geheimnis- und verheißungsvoll und ließ in mir den Wunsch entstehen, Teil des Ganzen zu sein, Kultur zu erleben und in den Alltag zu integrieren.

Mit der Zeit und neuen Erfahrungen gesellte sich für mich eine weitere Ansicht dazu, eine, die sogar drohte, die vorherige gänzlich zu verschlucken: Kultur wurde zu Arbeit. Eine Arbeit, die erfüllend sein konnte, die zufrieden und glücklich stimmte. Aber auch eine Arbeit, der man nie genug war, die konfliktreich und – am Theater – sehr hierarchisch und ein Stück weit willkürlich aufgebaut war. Kultur wurde zu einer Maxime, die es zu erreichen galt, der man gerecht werden und sich unterordnen musste.

In den folgenden Jahren begannen beide Ansichten Hand in Hand zu gehen: sehe ich ein Theaterstück, genieße ich nicht nur das Geschehen auf der Bühne, sondern überlege mir, wie die Szenen im Probenprozess wohl entstanden sind oder was hinter der Bühne geschieht. Es gelingt mir nicht, die Kultur als solche zu genießen und von der Arbeit zu trennen. Je mehr ich aber von der Kunst begeistert bin, umso größer ist auch mein Respekt vor der Arbeit, die dafür aufgewendet wird und mich das Endergebnis noch mehr schätzen lässt.

Erst im Laufe des Studiums lernte ich durch die Kulturwissenschaft ein neues, umfassenderes Verständnis von Kultur kennen. Ich begann, Kultur nicht nur im Sinne von Kunst, sondern in Bezug auf den Menschen und was ihn mit Gebräuchen, Gewohnheiten und Pflichten ausmacht, zu sehen. Damit wird mein Begriff von Kultur immer schwammiger und letztendlich stellt sich mir die Frage, was denn eigentlich nicht Kultur ist. Denn selbst eine simple Abgrenzung von Kultur zu Natur und der reine Bezug von Kultur auf den Menschen lassen sich hinterfragen. Genauso beschäftigt mich die Frage, ob es eine spezifisch nationale Kultur geben kann; eine Frage, die auch die Politik im Sinne der Leitkulturdebatte seit beinahe 20 Jahren bewegt und der ich sehr kritisch gegenüberstehe. Mein Blick auf die Kultur ist also offener, schwammiger, aber auch freier geworden.

Wie erlebe ich nun also Kultur? Mittlerweile kann ich sagen: mit einer zwanglosen Offenheit. Dadurch, dass mein Blick auf die Kultur nicht mehr so steif ist wie früher, kann ich mich auch auf ganz andere Dinge einlassen und Neues erleben, was mich vorher abgeschreckt hat. Kultur kann für mich in nicht hinterfragten Gewohnheiten stecken, sie kann bewusst zelebriert werden, sie kann zum Austausch und zum Lernen einladen. Kultur ist kein Statussymbol, nichts Hochgestochenes, sondern fester Teil unseres Alltag, den wir teils bewusst, teils unbewusst erleben. Und ich bin gespannt darauf, Kultur weiter zu entdecken, zu erforschen und zu erleben. Ganz ohne Zwang.

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6 Gedanken zu “Mein Kulturblick: Was ist eigentlich Kultur?

  1. Liebe Charlotte,

    ein herzliches Dankeschön für deinen #KultBlick!
    Schon interessant wie aus einem unbedarften, ein analytischer Blick wird, der wieder zurückentwickelt wird zum zwanglosen offenen Blick. Das gefällt mir richtig gut, vor allem die menschliche Komponente, die Kultur doch erst zusammenhält, oder?

    Herzlich,
    Tanja

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  2. Liebe Tanja, vielen dank für dein Kommentar!
    Ich bin selbst sehr gespannt, wie sich mein Kulturblick weiter entwickeln wird. 🙂

    Liebe Grüße,
    Charlotte

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  3. Ein wirklich schwierige Frage, die du da stellst, Charlotte. Was ist Kultur? Ich bin am Ende meines Beitrages ebenfalls auf diesen Aspekt eingegangen: https://www.zeilenabstand.net/kultur-ist-bunt-vom-kunsthistoriker-zum-webdesigner/
    Der Kulturbegriff hat sich in meiner persönlichen Wahrnehmung gewandelt, so wie du es auch beschreibst. Kultur ist etwas Alltägliches. Es hat etwas mit Kreativität zu tun, aber auch mit Produktivität im Sinne von „vom Menschen geschaffen“. Kultur bring die Menschen häufig zusammen, beinhaltete also auch den Aspekt der Gemeinschaft.

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    1. Lieber Damian,

      da hast du Recht, selbst in der Kulturwissenschaft ist man sich über eine einheitliche Definition von Kultur ja nicht im Klaren. Mir gefällt aber, dass Kultur so facettenreich ist und die Grenzen nicht klar gezogen sind. Umso mehr gibt es zu entdecken.

      Liebe Grüße,
      Charlotte

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