Über die Vielseitigkeit von Propaganda – „After The Fact“ im Kunstbau

Propaganda – ein Begriff der in unserer Gesellschaft zwar geläufig ist, aber meist als Teil der deutschen Geschichte und nicht der Gegenwart aufgefasst wird. Spätestens seitdem Kellyanne Conway, die Beraterin des aktuellen US-Präsidenten Donald Trump, den Begriff der „Alternative Facts“ prägte, liegt die Auseinandersetzung mit Propaganda wieder näher. Die Ausstellung „After The Fact“ im Kunstbau der städtischen Galerie im Lenbachhaus München thematisiert diesen Begriffskomplex aus verschiedenen Blickwinkeln heraus und fokussiert sich dabei auf Kommunikationsstrategien im 21. Jahrhundert.

Die Ausstellung streift dabei die verschiedensten Themenfacetten wie internationale Politik, Kriegspropaganda oder gesellschaftliche Themen wie Feminismus und Kapitalismus. Auch die künstlerischen Ansätze sind vielfältig und erstrecken sich von Malerei und Objektkunst über audiovisuelle Installationen bis hin zu dokumentarischen archivarischen Konzepten. Die räumliche Gliederung des Kunstbaus passt sich dabei der Ausstellung an, sodass sich der Besucher fernab der täglichen bunten Bilderflut konzentriert dem jeweiligen Themenschwerpunkt widmen kann. Besonders ins Auge sticht dabei die Sammlung von 151 Titelseiten internationaler Tageszeitungen vom 12. September 2001 von Hans-Peter Feldmann, die über den 11. September 2001 berichten. Gerade die Zusammenschau führt eine propagandistische Berichterstattung vor Augen, die die Welt auf Krieg ausrichtet. In diesem Zusammenhang sind auch die privaten Fotos von US-Soldaten im Kriegseinsatz interessant, die sich teilweise stark von Presseveröffentlichungen abheben.

Hans-Peter Feldmann sammelte 151 Titelblätter vom 12.09.2001. (c) Charlotte Horsch

Der Umgang mit Genderstereotypen wird in vielerlei Hinsicht thematisiert. Zum einen legen Cindy Hinant und Coco Fusco dar, wie einseitig Frauen in deutsche Klatschzeitschriften präsentiert und auf wenige vordergründige Eigenschaften reduziert werden. Doch auch eine gegenteilige Position, nämlich die der Frau als militärische Foltermagd, die Macht und Gewalt verkörpert, findet ihren Platz, wie Fuscos „Field Guide for Female Interrogation“ zeigt. In beiden Fällen werden die Frauen jedoch auf ihre mal unterhaltsamen, mal bedrohlichen sexuellen Schlüsselreize reduziert, was die beiden Künstlerinnen aufdecken.

Gegen Ende der Ausstellung erscheint Propaganda unter dem Deckmantel des Entertainments. Überraschenderweise ordnen sich auch im Internet beliebte Memes in die Maschinerie propagandistischer Kommunikation ein, indem sie komplexe Zusammenhänge verulken und damit verharmlosen und vereinfachen. Als Beispiel dient dabei der bekannte Pepe the Frog, der bereits seit 2005 im Netz kursiert, in jüngster Vergangenheit allerdings von Donald Trump in seinem Wahlkampf aufgegriffen wurde.

Ebenfalls spannend: Die Installation „Schöner Wohnen“ von Wolfram Kastner thematisiert die wirtschaftlichen Interessen der Deutschen, die stark mit der Kriegs- und Waffenindustrie verbunden sind. (c) Charlotte Horsch

Beim Verlassen der Ausstellung bleibt zunächst ein unbefriedigtes Gefühl zurück, da die Sammlung zwar viele Fragen aufwirft, die unbeantwortet bleiben. Das ist der Ausstellung jedoch hoch anzurechnen, denn wenn sie den Besucher mit einfachen Antworten abspeisen würde, würde sie den einfachen Prinzipien der Propaganda folgen und wäre in sich selbst propagandistisch. So motiviert sie den Besucher, seiner Verantwortung der differenzierten Auseinandersetzung mit der täglichen Nachrichtenflut eigenständig nachzukommen und kritisch zu hinterfragen. Unter diesen Gesichtspunkten ist die unkonventionelle Ausstellung auf jeden Fall zu empfehlen. „After The Fact“ ist noch bis zum 17. September 2017 im Kunstbau zu sehen. Im September können außerdem noch kostenfreie Workshops besucht werden.

Randnotiz: Passend zu „After The Fact“ kann auch die Ausstellung „Go To Paradise“ [Link einfügen; arkadenale, go to paradise, seite von muenchen.de), die noch bis 10. September in den Kunstarkarden stattfindet, besucht werden. Allerdings pausiert sie vom 13. bis 28. August. Hier setzen 53 Künstlerinnen auf unterschiedlichste Weise mit dem Thema Krieg auseinander. Am 5. September findet hier um 17 Uhr eine Kuratorenführung mit anwesenden Künstlern statt.

 

Verfasst von Johanna Eder und Charlotte Horsch

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