Helden der Straße – subversive künstlerische Strategien zur Unterwanderung des öffentlichen Raums

Why don’t we do it in the road?

Wenn Künstler jenseits etablierter Elfenbeintürme des Kunst- und Hochkulturbusiness mit dem Bodensatz der Alltagsgesellschaft in Kontakt treten wollen, quasi mit basisdemokratischen Ansprüchen an einen ästhetisch geführten Dialog, ja wenn es sogar um das Kommentieren gesellschaftlicher Phänomene geht, bis hin zum Bedürfnis, eine politisch wirksame Marke zu setzen, dann greifen sie zu Ausdrucksmitteln, die man „subversive künstlerische Strategien zur Unterwanderung des öffentlichen Raums“ nennen könnte. Darüber ein wenig rumzutheoretisieren mag in Ansätzen anbiedernd und lächerlich wirken. Aber egal. Es macht mir Spaß, mich auf diese Weise damit zu befassen.

Subversion = Umstürzen, Zersetzen. Also mit Hilfe der Kunst heimlich und unaufhaltsam umstürzlerische Veränderungen vorantreiben? Im großen Stil? Im Kontext städtischer Öffentlichkeit? Klingt wild. Ist es auch. Klingt nach Revolution. Dieses Potential besteht.

Invasion – Intervention – Interaktion – Partizipation

Die „Kunstgattung“, um die es hier geht – übrigens ein globales Phänomen – wird „Urban Art“ bzw. „Street Art“ genannt. Sie entstand aus der Jugend-Subkultur. Es gilt das Gesetzt der Straße. Man nimmt Kontext-gebundene unkonventionelle ästhetische Eingriffe in den Stadtraum vor. Die anarchische, oft subtil provokante, mitunter auch vandalistische Werk-Spur richtet sich an ein öffentliches Publikum. Die Thematiken sind unterschiedlichst: Konstitution von Identität und Selbstbewusstsein, Eigenwerbung und konkurrierender Geltungsdrang, Hinweise auf soziale Spannungen, Ungerechtigkeiten, Außenseitertum und Kriminalität – verlaufen die künstlerischen Äußerungen doch selbst oft mitten im kriminellen Feld. Unterwanderung kann bedeuten: Codes aufbrechen, die bestehende Ordnung infrage stellen, Hierarchien relativieren, Mitgestaltung des öffentlichen Raumes fordern. Oder einfach die Verschönerung der persönlichen Lebenswelt. Kurz: Die Stimme des leisen Volkes verstärken. „Bei den Writern und Taggs von heute geht es ’sorry‘ einfach auch oft nur darum, dass einige Crews, spätpubertäre Jungs und Kinder ihr Revier markieren. Da ist wenig Romantik oder Kunstsinn dahinter. Manchmal gehts um den ‚FAME‘ und darum, mit seinen Styles die Hood zu markieren.“ (Zitat Ronit Wolf aus einer FB-Diskussion dazu) Es wäre naiv, das Thema nicht auch von dieser Seite zu sehen.

Als ein Urvater der Streetart gilt Gérard Zlotykamien, der ab den 1960ern in verschiedenen Ländern mit Kreide arbeitete. Viele Künstler gehen sehr narrativ vor. In Schriftzügen platzieren sie ihre Namensspur, politische oder poetische Statements. In witzigen Bildsprachen balancieren sie zwischen humorvoller Leichtigkeit und kritisch-tiefgründiger Doppelbödigkeit. Im New York der 1980er Jahre waren das z.B. Jean-Michel Basquiat, Keith Haring. In den 2000er Jahren setzte Robin Rhode in Johannesburg mit Kreidezeichnungen Spuren. Barbara. klebt Plakate an Straßen- und Warnschilder oder diverse Hinterlassenschaften und agiert dadurch auf ihre Weise politisch. Im Schablonengraffiti vernetzen sich verschiedene kulturelle Ebenen durch Zitate aus Medien wie Comic und Film. Dekontextualisierungen oder semantische Leerstellen beziehen die Fantasie des Betrachters mit ein. (z.B. Blu, Herakut, Toy Crew) Interaktiv-performative Interventionsstrategien wie der Flashmob machen den Betrachter direkt zum Akteur. Solche flüchtigen Aktionen werden häufig über virtuelle soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter organisiert. Inspiriert durch die Do-it-yourself Bewegung treten in den letzten Jahren auch völlig neue Ausdrucksweisen auf: z.B Guerilla-Knitting und Guerilla-Gardening.

Meist sind Werkspuren im urbanen Raum von nur kurzer Lebensdauer oder gänzlich an den Moment geknüpft. Sie transformieren sich im ständig flüssigen, offen kreativen Kommunikationskanal der Straße, werden diskursiv von anderen Künstlern kommentiert, oder schlichtweg übermalt.

This land is your land – this land is my land.

Ein Raum gehört dem, der die Kommunikation beherrscht. Zumindest im Sinne der Identifikation. Durch den urbanen Metatext der Street Art geschieht letztlich also Entgrenzung von kommunikativen Strukturen und somit Raumaneignung. Das prägt Lebenswirklichkeit. Ist das wild und revolutionär? Interessanterweise vereinnahmt gerade das Establishment von Pop-Art, Big Business und Hochkultur subversive Provokationen besonders gern – z.B. Banksy, Blek le Rat, Os, Pegasus oder Shepard Fairey, deren Arbeiten völlig im Mainstream angekommen sind. Vielleicht aufgrund der erregenden Anziehungskraft von anarchischen Halblegalitäten und der elektrisierenden Strahlkraft der sexy Jugend-Subkultur. Street Art revolutioniert also zumindest die kunstwissenschaftliche Kanonisierung. Doch wie verändert sich ihr Potenzial dadurch? Wie wirksam künstlerische Kommunikationsstrategien für gesellschaftliche Realitäten sind, inwieweit sie etwa den gegenwärtigen aufklärerischen Drive für Europa und gegen nationalistischen Populismus anschieben, das wäre zu prüfen.

Noch bis September ist die Magic City in München zu sehen. Deshalb stelle ich hier genau diese Fragen. Bitte kritisch anschauen und mitdiskutieren …

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2 Gedanken zu “Helden der Straße – subversive künstlerische Strategien zur Unterwanderung des öffentlichen Raums

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